Kurzgeschichte - "Aufbruch"
(Bild: privat)
"Nun waren sie alle weg. Seraina saß auf der Ruhebank vor einem der prächtig verzierten Häuser in Ftan. Sie hätte nicht mitgehen wollen. Nach und nach waren immer mehr Bewohner des Dorfes in den Wald gegangen, durch die Felsspalte, in das andere Land.
Ob es dort auch so liebevoll gehäkelte Gardinen vor den Fenstern gab, so kunstvoll gedrächselte Geländer? Neugierig war sie schon, aber sie wollte nicht gehen. Denn von dort gab es kein Zurück. Auch wenn es hier auf dieser Seite langsam kalt wurde.
Der kurze Sommer neigte sich dem Ende zu und hoch oben in den nebelverhangenen Bergen war schon der Schnee gefallen.
Die Druiden hatte prophezeit, dass es auf der anderen Seite des Tors immer Sommer war. Noch hörte sie in der Ferne das Geklimper der Kuhglocken, die sich langsam im Wald verloren. Sollte sie vielleicht doch mitgehen? Einen letzten Almabtrieb erleben, nur dieses Mal in eine andere Welt.
Sie stand auf und warf einen letzten Blick auf die kustvolle Rosettenbänder mit der Jahreszahl und den Initialen am Haus ihrer Kindheit. Auf den geheimnisvollen Erker, der vor so vielen Jahre ihre Phantasie beflügelt hatte. Wie oft saß sie mit einem Buch darin und wünschte sich, sie könne in ein Phantasiereich entkommen. Wie ironisch, dass ausgerechnet sie nun dem Phantasiereich fernbleiben wollte.
Selbst die Enten auf dem Quartierbrunnen waren gegangen. Nur der Blumenschmuck blieb zurück. ... und die Kuhfladen.
Das Lachen entstand ganz tief unten in ihrem Bauch und hüpfte dann vibrierend aus ihrer Kehle. Sollte nur sie zurückbleiben? Sie und die Kuhfladen? Und die Häuser, die Geschichten aus der Vergangenheit erzählen?
Nein, es war Zeit für ein Abenteuer. Und wenn es das letzte ihres Lebens war.
Sie ging."
Diese Kurzgeschichte habe ich tatsächlich in Ftan geschrieben. Vor einem dieser schön bemalten Häuser mit Blick auf den Dorfbrunnen, in dem Enten schwammen. An dieser Stelle ein herzliches Dankeschön an Nicole Küpfer für ihren Kurs "Theater und kreatives Schreibe


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