Storytelling - "Status"
(Bild: Adobe Stock / Jürgen Fälchle)
Wie schreibt man einen Charakter, der einen Raum betritt und jeder weiß sofort: diese Person ist wichtig? Wie kommt der Love-Interest selbstbewusst, aber nicht unsympathisch rüber? Wie beschreibe ich einen netten Kerl, den jeder mag? Und wie die Ex vom Love-Interest oder den Chef? Und zwar mit Verben (show) und nicht Adjektiven (tell). Das Geheimnis dazu heißt: Status. Und mit Status meine ich nicht die Statussymbole, wie gesellschaftliche Stellung oder Automarke von jemandem, sondern den Status, den er in einer Szene einnimmt.
Der innere und der äußere Status
Laut Michael Esser gibt es einen inneren und einen äußeren Status. Mit dem inneren Status kennen wir als Autoren uns eigentlich ziemlich gut aus, denn der hat mit dem Ziel einer Figur zu tun. Bleibt die Figur an ihrem Ziel dran und versucht es zu erreichen, egal was andere zwischenzeitlich über sie denken, dann haben wir es mit einem internen Hochstatus zu tun. Der innere Tiefstatus dagegen ist eine Figur, die sich leicht von ihrem Quest abbringen lässt.
Um den äußeren Status zu verdeutlichen, können wir uns des Wissens von Improvisations-Schauspielern bedienen, die ja auf der Bühne blitzschnell klarmachen müssen, welchen Status ihr Charakter hat. Dabei hat sich folgendes Muster gezeigt. Probiert das gerne mal zu Hause vor dem Spiegel oder mit einem Freund aus:
| tiefer Status | hoher Status |
| wenig Raum einnehmen (z.B. verschränkte Arme, zusammengezogene Schultern, mit verkreuzten Beinen dastehen) | viel Raum einnehmen (z.B. breitbeinig dasitzen, mit großen Bewegungen gestikulieren) |
| schnelle Atmung | langsame Atmung |
| abgebrochene Sätze, Stottern | vollstängige Sätze, Pausen |
| schnell sprechen (geht davon aus, unterbrochen zu werden) | langsam sprechen (geht davon aus, nicht unterbrochen zu werden) |
| Anfassen der Kleidung und des Gesichtes, Hände in Hosentaschen, Herumspielen an Dingen | Wenige Bewegungen mit den Händen, fühlt sich wohl dabei, die Hände einfach hängen zu lassen |
| Blick geht schnell von einem Objekt zum anderen | kann längere Zeit das gleiche ansehen, kann Blickkontakt halten |
| - | andere Menschen anfassen |
| viele Füllwörter | wenige Füllwörter |
| leise Sprache, ungenaue Artikulation | laute Sprache, präzise Aussprache |
| nervöse Ticks | - |
Blickkontakt ist dabei ein zweischneidiges Schwert, wie Johnstone schreibt. Allgemein wird ja angenommen, dass derjenige, der zuerst wegsieht, automatisch den tieferen Status hat. Wenn er aber in voller Absicht wegsieht, ist das eher ein Zeichen von hohem Status. Sieht er dann jedoch für einen kurzen Moment wieder zurück, verliert er jeden Statuskampf. Dieses Hinsehen, Wegsehen und ganz kurz wieder hinsehen ist nämlich Verhalten von Beutetieren, die sich noch schnell vergewissern, dass die Luft wirklich rein ist.
An dieser Stelle kann ich mich nicht zurückhalten, noch einen Einschub meiner persönlichen Meinung einzufügen: In vielen Liebesromanen sieht die Heldin nach unten, wenn sie ihrem Love-Interest etwas gesteht, das für sie emotional schwierig ist. Das wird von manchen Menschen, inclusive dem Love-Interest dann als Tiefstatus-Geste gewertet. Er legt ihr einen Finger unter das Kinn, um ihren Blick anzuheben ... und lässt sie dadurch erst recht im Status abstürzen. Derjenige, der ungefragt jemand anderem ins Gesicht greift, hat immer den höheren Status. Derjenige, der sein Gesicht in die für den Love-Interest angemessene Richtung gedrückt bekommt, hat immer den niedrigeren Status. Ich wünschte, dass sich Autoren von Liebensromanen dieser Dynamik bewusster wären. Es ist nicht falsch, diese Geste einzusetzen. Aber der Love-Interest hebt in dieser Sitation eindeutig die Heldin nicht in ihrem Status an - ganz im Gegenteil.
Respekt vs. Sympathie
Jetzt sind wir an der Stelle, an der wir das Puzzle zusammensetzen können. Es gibt zwei verschiedene Status-Typen (innerer und äußerer) und zwei Stufen (hoch und tief). Ok, in der Realität gibt es zwischen hoch und tief noch eine Menge Abstufungen, aber wir belassen es der Einfachheit halber jetzt erstmal dabei. Durch die Kombination der Typen und Stufen ergeben sich vier Charaktere:
| Charakter | Status innen | Status außen |
| Der Boss | hoch | hoch |
| Der Charismatiker | hoch | tief |
| Der Arrogante | tief | hoch |
| Der Teamplayer | tief | tief |
Der Boss hat innen wie außen einen hohen Status. Er weiß, was er will und setzt sich damit durch. Das verschafft ihm Respekt, macht ihn aber nicht unbedingt sympathisch.
Der Charismatiker weiß, was er will und kann nach außen hoch und tief spielen, je nachdem, was seinen Zwecken nutzt. Was sich auf den ersten Blick unsympathisch anhört, ist tatsächlich eine sehr gute Eigenschaft. Denk einfach mal an den Lehrer, der nicht auf den Tisch haut und herumschreit, sondern den Schülern auf Augenhöhe begegnet und damit erreicht, dass sie viel mehr lernen. Der Charismatiker ein Charakter, der sowohl beliebt ist, als auch respektiert wird.
Der Arrogante ist das genaue Gegenteil davon. Er ist unsicher und weiß dass er sich selbst nicht traut. Um Leute erst gar nicht auf die Idee zu bringen, ihn in Frage zu stellen, kompensiert er seine innere Unsicherheit mit äußerlichem Hochstatus. Oft verbunden mit Aggression, wenn er merkt, dass die Leute ihn durchschauen. Er wird weder respektiert noch gemocht.
Zum Schluss haben wir noch den Teamplayer. Der ist ein People Pleaser, der die Interessen von anderen Leuten gern vor seine eigenen Ziele stellt. Das bringt ihm zwar Sympathien ein, aber keinen Respekt.
| Charakter | Sympathie | Respekt |
| Der Boss | tief | hoch |
| Der Charismatiker | hoch | hoch |
| Der Arrogante | tief | tief |
| Der Teamplayer | hoch | tief |
Diese Regel ist nicht in Stein bemeißelt, aber es hat mir beim Skizzieren meiner Charaktere geholfen, diese Tabellen im Hinterkopf zu haben. Ich habe auch mit meiner Impro-Gruppe gelegentlich ein Spiel gespeilt, bei dem ich vier Karten mit den vier Charakteren beschriftete und die Mitspieler verdeckte je eine Karte ziehen ließ. Dann ließen wir uns vom Publikum ein Setting vorschlagen und spielten eine Szene. Das macht viel Spaß und man muss gucken, wie man die Unterschiede genau ausspielt, damit die Mitspieler und das Publikum merken, wer hier wer ist. Natürlich sind diese Charaktere dadurch überzeichneter, als man das in einem Buch schreiben sollte. Aber eine gute Übung ist es und Spaß macht es allemal.
Literaturempfehlung und Quellenangabe:
- "Statusspiele - wie du in jeder Situation die Oberhand behältst" von Tom Schmitt und Michael Esser
- "Improvisation for the Theater" von Keith Johnstone.

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