Kommunikation - "Die Anatomie eines Pep-Talks"
Der Begriff Pep-Talk kommt aus dem Englischen und bedeutet so viel wie "eine ermunternde Rede". Ob du einem Freund gut zureden willst, der vor einer sportlichen Herausforderung steht, oder deinen Schreib-Buddy ermutigen willst, von seiner ersten Lesung weniger Lampenfieber zu haben, oder einfach dir selbst einen zusätzlichen Motivationschub verpassen willst, doch jetzt endlich mit deinem Buch fertig zu werden - Pep-Talks haben vielfältige Einsatzmöglichkeiten. In den USA sind sie kulturell bedingt etwas verbreiteter als bei uns im deutschsprachigen Raum, aber das heißt nicht, dass sie nicht auch hier eine positive Wirkung entfalten können.
Doch wie schreibt man einen guten Pep-Talk? Wir alle wissen, dass ein oberflächliches "Chakka, du schaffst das" nichts nutzt und uns ganz im Gegenteil gerne mal auf den Keks geht. Hier kommt eine einfache Struktur, nach der du vorgehen kannst.
Der Einstieg
Zum Einstieg wenden wir etwas an, das jeder Verkäufer sicherlich schon 10.000x gehört hat. Wir holen uns drei "Ja" ab. Das dient dazu, dem Empfänger des Pep-Talks klarzumachen, dass wir ihn und genau ihn im Visir haben, statt einfach irgendwelche generischen Plattitüden abzugeben. Wenn ich mir also einen Pep-Talk schreiben will, um mich selbst dazu zu motivieren, mit der Rohfassung meines neuen Romans fertig zu werden, dann würde das so aussehen:
"Du willst diese Geschichte schon seit 20 Jahren schreiben, dein Plot steht und du hast schon 75% der Rohfassung geschrieben ..."
Das sind alles Aussagen, die ich zu 100% unterschreiben kann. Es ist erwiesen, dass Menschen dazu neigen, ein viertes Mal "Ja" zu sagen, wenn sie schon dreimal "Ja" gesagt haben. Ist das Manipulation? Ja, irgendwie schon. Aber zur Abwechslung manipulieren wir uns hier mal zu etwas, das uns nutzt, von daher: weiter im Skript!
Die Überleitung
Hier kannst du dich entscheiden, ob du eine Ursache-Wirkungs-Beziehung (A führt zu B) oder eine Komplexe Equivalenz einsetzt (A = B). Es spielt dabei keine Rolle, ob das, was du hier sagst, der Wahrheit entspricht oder nicht. Dazu haben wir im vorherigen Schritt die drei "Ja" abgeholt. Unser Hirn wird uns jetzt eher etwas glauben, was nicht so ganz stimmt oder vielleicht stimmt oder auch nicht. Hier muss also eine Aussage rein, die du gerne glauben würdest.
"... und das führt dazu, dass dir die letzten 25% umso leichter fallen werden." (Ursache-Wirkung)
"... und das bedeutet, dass du die restlichen 25% mit links schaffen wirst." (Komplexe Equivalenz)
Sucht euch hier einfach einen der beiden aus, je nachdem, was sich mehr nach euch anhört.
Der Mittelteil
Hier kannst du dich mit verschiedenen Strategien austoben. Du musst nicht alle anwenden, wenn du nicht willst, ein oder zwei davon genügen. Und das war schon eine Strategie davon: Erst mal übers Ziel hinausschießen und dann ein kleineres, erreichbareres Ziel vorschlagen, das dem Adressaten des Pep-Talks dadurch plötzlich gar nicht mehr so übertrieben erscheint.
"Du musst das Buch ja nicht gleich bis zum Wochendende fertig schreiben, aber wenn du es bis Ende des Monats fertig bekommst, wärst du sehr stolz auf dich."
Geht es dir auch so, dass du dich gegen Fragen nicht wehren kannst? Selbst wenn du die Frage dumm oder unverschämt findest, beginnt dein Hirn zu arbeiten. Das ist ganz normal. Wir Menschen können uns gegen Fragen nicht wehren. Das nutzen wir hier aus. Dazu können wir die Frage direkt stellen, oder sie etwas abschwächen wie in folgendem Beispiel.
"Ich frage mich, ob du es schaffen wirst, das Weihnachtsgeschäft noch mitzunehmen."
Eine weitere Sache, die wir Menschen bekanntlich gern machen, ist alles über einen Kamm zu scheren. Alles, nichts, immer, nie. Ich frage mich, wie oft du diese Worte in deinem alltäglichen Sprachgebrauch verwendest. Oft verwenden wir sie in einem Kontext, der uns eher runterzieht ("das funktioniert doch nie"). Jetzt manipulieren wir uns mal in die andere Richtung.
"Es ist immer einfacher ein Buch fertig zu schreiben, das schon so weit ist, wie dein aktuelles Manuskript, als ein neues Buch anzufangen."
Auch Metaphern sind hier nützliche Werkzeuge.
"Du musst nur noch das Dach auf das Haus drauf setzen, dann kannst du darin wohnen und dich wohl fühlen."
Das Ende
Hier kommt es zum fulminanten Abschluss, denn du kannst dich mit dem wirkungsvollsten Sprachmuster überhaupt austoben: der Präsupposition. Eine Präsupposition ist eine unausgesprochene Vorannahme, die wahr sein muss, damit der Satz Sinn ergibt. Wenn wir also den Satz "Ich habe zu viele Bücher" nehmen, stecken da eine Menge Vorannahmen drin: a) Es gibt so etwas wie Bücher, b) Man kann Bücher besitzen, c) Man kann zu viele Bücher besitzen.
Diese Vorannahmen werden mit dem bewussten Verstand oft nicht in Frage gestellt, sondern gehen einfach ins Unterbewusstsein, wo sie selten hinterfragt werden. Diese (sehr manipulative) Taktik machen wir uns jetzt zu Nutze.
Der Double-Bind ist die häufigste Technik. Dabei wird der Adressat scheinbar vor eine Wahl gestellt, wobei die Sache, die er eigentlich tun soll, stillschweigen angenommen wird. In dem oben genannten Beispiel könnte das so klingen:
"Du kannst dir überlegen, ob du morgens oder abends an deinem Buch arbeiten willst." (Vorannahme: Du wirst an deinem Buch arbeiten.)
Ganz zum Schluss setzt du noch einen sogenannten Future Pace drauf. Dabei stellst du dir vor, du hättest dein Ziel schon erreicht und beschreibst das Gefühl, dass das bei dir auslöst.
"Wenn du dein Buch dann auf der Leipziger Buchmesse im Regal siehst, bist du stolz und dankbar, dass du es geschrieben hast."
Ganz wichtig ist, dass du nicht einfach meine Texte übernimmst, sondern deine eigene, individuelle Rede schreibst, die auf dich und dein Ziel maßgeschneidert ist. Häng sie dir am besten irgendwo gut sichtbar hin. Vielleicht hast du auch ein paar Schreib-Buddies oder eine Kritikgruppe, in der ihr euch gegenseitig Reden schreiben könnt.
In dem Sinne, viel Spaß beim NaNoWriMo!
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